Werte-Quadrat > Wertschöpfungs-Modell

- Prämisse und allgemeine Struktur  
- Vorstellung einer dynamischen Balance
- VAL-Wertequadrat: Vertrauen 
- Alle Extreme sind verkehrt
- Richtig ist immer die Synthese/Balance positiver Polaritäten 
- Quellenangaben und weiterführende Literatur
Das im Werk von Friedmann Schulz von Thun (1990,S.38ff.) vorgestellte Wertequadrat von Helwig stellt ein sinnvolles Gedanken-Werkzeug zur Wertfindung und Wertediskussion dar. Es ergänzt das Zeit-Raum Modell unternehmerischer Wertschöpfung aus dialektischer Sicht und hilft den positiven Value Action Leadership Wert: Vertrauen, zu erhellen. Dabei wird von folgender Prämisse ausgegangen.
Prämisse 
Die Prämisse  lautet: Um den dialektisch-strukturierten Daseinsforderungen zu entsprechen, kann jeder Wert (jede Tugend, jedes Leit-Prinzip, jedes Persönlichkeits- und Charakter-Merkmal) nur dann zu einer konstruktiven Wirkung gelangen, wenn er sich in ausgehaltener Spannung zu einem positiven Gegen-Wert, einer "Schwester-Tugend", befindet. Statt von ausgehaltener Spannung lässt sich auch von Balance bzw. Syntese sprechen. Ohne diese ausgehaltene Spannung (Balance/Synthese) verkommt ein Wert zu seiner "Entartungsform" (Helwig) - oder sagen wir lieber: zu seiner entwertenden Übertreibung 
Allgemeine Struktur 
Nehmen wir ein einfaches Muster-Beispiel aus dem Bereich der bürgerlichen Tugenden (s.Bollnow,1958): Sparsamkeit verkommt ohne ihren positiven Gegen-Wert Grosszügigkeit zum Geiz, umgekehrt verkommt auch Grosszügigkeit ohne Sparsamkeit zur Verschwendung. Die hierbei regelmässig entstehenden 4 Begriffe lassen sich nach Helwig zu einem "Werte-Quadrat" anordnen, wobei jeweils die beiden positiven Gegenwerte oben und die entsprechenden Unwerte unten zu stehen kommen:

"Alle diese werthaften Begriffe ordnen sich zu einer "Vierheit" von Werten bzw. Unwerten. In jedem Wert liegt eine "Quaternität von Werten" eingeschlossen ... Dieses Wertequadrat "verklammert" also die vier Begriffe miteinander. Jeder wird damit doppelt gegensätzlich präzisiert." (Helwig,1967,S.66)

Bei diesem Quadrat entstehen nun vier Arten von Beziehungen, durch die das Verhältnis der Begriffe zueinander charakterisiert ist:

  1. Die obere Linie zwischen den positiven Werten bezeichnet ein positives Spannungs- bzw. Ergänzungsverhältnis, wir können auch von einem dialektischen Gegensatz sprechen.
  2. Die Diagonalen bezeichnen konträre Gegensätze zwischen einem Wert und einem Unwert;
  3. die senkrechten Linien bezeichnen die entwertende Übertreibung;
  4. die untere Verbindung zwischen beiden Unwerten "stellt gleichsam den Weg dar, den wir beschreiben, wenn wir dem einen Unwert entfliehen wollen, aber nicht die Kraft haben, uns in die geforderte Spannung der oberen Pluswerte hinaufzuarbeiten. Also wenn wir aus einem Unwert in den entgegengesetzten anderen Unwert fliehen. Die Verbindung zwischen den unteren Begriffen stellt also die Fehlleistung einer "Überkompensation des zu vermeidenden Unwertes durch den gegenteiligen Unwert dar." (Helwig,1967,S.66)
Vorstellung einer dynamischen Balance
Diese Wertequadrat-Struktur ist der von Aristoteles in seiner "Nikomachischen Ethik" (1952) entwickelte Vorstellung verwandt, nach der jede Tugend als die rechte Mitte zwischen zwei fehlerhaften Extremen zu bestimmen ist: zum Beispiel Sparsamkeit zwischen Geiz und Verschwendung. Die anzustrebende Tugend ist hier, im Unterschied zum Werte-Quadrat, als ein Fixpunkt gedacht, der sich allerdings "verschieben" lässt. So ist die Sparsamkeit dem Geiz näher als der Verschwendung, während die griechische Tugend "eleutheriotes" eher der deutschen Freigebigkeit oder Grosszügigkeit entspricht (Bollow,1958).  Beim Werte-Quadrat ist die Vorstellung eines optimalen Fixpunktes aufgegeben und durch die Vorstellung einer dynamischen Balance ersetzt. Angemessen ist auch die Vorstellung einer Yin-Yang-Verhältnisses der beiden oberen Werte: Sie durchdringen sich gegenseitig und enthalten jeweils schon selbst ein Spurenelement des Gegenpoles.
VAL-Wertequadrat: Vertrauen
Die Konstruktion eines Werte-Quadrates (Heuristik) vollzieht sich nach Schulz von Thun folgendermassen: angenommen, wir haben wie beim Value-Action-Leadership Leitfaden den positiven Wert Vertrauen (als Charakter-Merkmal bzw. Orientierungs-Prinzip)  vor Augen. Wie ist nun die Struktur der zu diesem Wert gehörigen Quaternität? Wir schreiben mit Schulz von Thun Vertrauen in die Position 1, (oben links). Nun kann unsere gedankliche Entdeckungsreise verschiedene Wege gehen: Zum Beispiel könnten wir in die Position 2 gehen und den positiven Gegenwert suchen. Aber was könnte das sein? Einfacher ist es vielleicht zunächst nach der übertreibenden Entartung zu fragen (Position 3) oder auch nach dem konträren Gegensatz (Position 4)

Wir versuchen es Schulz von Thun folgend mit der Position 4: - was wäre hier der konträre Gegensatz zu Vertauen? Vielleicht einfach Misstrauen? Aber ein gewisses Misstrauen ist ja in vielen Situationen des Lebens durchaus angebracht - taugt dieser Begriff, um die übertreibende Entartung der Position 2 (die wir noch nicht definiert haben) zu bezeichnen? Vielleicht ist es leichter, von der Position 1 erst einmal direkt nach unten, in die Position 3 zu wandern. Hier kann es sich nur um die naive Vertrauensseligkeit handeln, die schon der Dummheit nahesteht. Also tragen wir die Position 3 ein und ergänzen die fehlenden Verbindungslinien:

Was ist nun mit einem solchen Werte-Quadrat gewonnen? Zum  einen schärft es den Blick dafür wie die einzelnen Beispiele im Buche von Schulz von Thun belegen, dass sich in einem beklagten Fehler nicht etwas "Schlechtes" ("Böses", "Krankhaftes") manifestieren muss, das es "auszumerzen" gelte. Vielmehr lässt sich darin immer ein positiver Kern entdecken, dessen Vorhandensein zu schätzen ist und allein dessen Überdosis (des Guten zuviel) uns problematisch erscheint. Zum anderen ist damit die Überzeugung verbunden, dass jeder Mensch mit einer bestimmten erkennbaren Eigenschaft immer auch über einen "schlummernden" Gegenpol verfügt, den er in sich wecken und zur Entwicklung bringen kann. Wobei das angepeilte (kreative) Ideal keine statische, sondern eine dynamische Balance ist. Hierbei ist ein Punkt besonders zu beachten, der meist übersehen wird. Für das Sittlich-Moralische ebenso wie für das Psychische, für das Biologische ebenso wie für das Physikalische gibt es ein allgemeingültiges Gesetz:
Alle Extreme sind verkehrt!
Alles Geschehen vollzieht sich zwar zwischen den beiden entgengesetzten (Wert-) Polen von Aktivität und Passivität, Dynamik und Statik, Spannung und Lösung usw. (chinesisch "Yang" und "Yin", indisch "Raja" und "Tamas"), dabei wirkt aber jedes Extrem gleich negativ bzw. zerstörend (Übersteigerung ebenso wie Unterlassung, Wucherung ebenso wie Schwund, Erstarrung ebenso wie Auflösung, Verkrampfung ebenso wie Erschlaffung usw.). Positiv bzw. aufbauend und erhaltend ist nur das ausgewogene Gleichgewicht der Polaritäten (chin. "Tao", ind. "Sattwa"), der "goldende Mittelweg" oder die Balance zwischen den Extremen, so dass das (Gerechtigkeit-) Symbol der Waage in der Tat am besten diese universelle Gesetz-Mässigkeit veranschaulicht.
Richtig ist immer die Synthese/Balance positiver Polaritäten
Um zu einer realistischen Selbst-Einschätzung zu gelangen, dürfen wir uns nicht mit der üblichen dualistischen Gegensätzlichkeit von "+" und "-" (gut und böse, richtig und falsch, hell und dunkel, gesund und krank, erwünscht und unerwünscht usw.) begnügen, sondern müssen beide Seiten in Anlehnung an Hans Endres nochmals unterteilen in die negative Tendenz nach aussen den Extremen zu und die positive Tendenz nach innen der Mitte zu, so dass wir zu den folgenden vierfachen Einteilung gelangen, wie durch die Tabelle von Endres "Überfunktion - Steigerung - Minderung - Unterfunktion" verdeutlicht, die uns bei der Wertfindung in unserem Werte-Quadrat behilflich sein kann.

+ -> 

 <- +

Überfunktion Steigerung Minderung Unterfunktion
Verschwendung Grosszügigkeit Sparsamkeit Geiz
Überfluss Fülle Mässigung Mangel
misstrauisch kritisch gläubig vertrauensselig
tollkühn mutig vorsichtig feige
In dieser Tabelle werden nur diejenigen Anschauungsbeispiele Endres berücksichtigt, welche im direkten Zusammenhang mit dem Ausgeführten stehen. Erweitern Sie diese Tabelle ständig, indem Sie künftig alle Gegensätze, mit denen Sie konfrontiert werden, in der gezeigten Weise unterteilen! Damit lernen wir der Gefahr vorbeugen die immer auf beiden Seiten beim Abrutschen über den Strich in das eine oder andere negative Extrem besteht. Anzustreben ist die Ergänzung der jeweiligen Veranlagung und Prägung durch den jeweils anderen Pol bzw. die fortschreitende Schwerpunkt-Verlagerung der generellen positiven Mitte zu. Womit alles Übel im Grunde eine "Gleichgewichts-Störung" bedeutet, während Vollkommenheit (Ganzheit) gewissermassen einen souveränen "Balance-Akt" im Sinne der  behandelten Werte-Quadrates darstellt.
Quellenangaben und weiterführende Literatur
Aristoteles: Nikomachische Ethik, Zürich 1952 
Bollnow O.F.: Wesen und Wandel der Tugenden. Frankfurt am Main 1958
Endres H.
: Das Beste aus dem Leben machen. Ein Leitfaden zur Selbsterfüllung und Selbstmeisterung. München 1988,S.44ff.: Überfunktion - Steigerung - Minderung - Unterfunktion
Helwig P.: Charakterologie. Freiburg im Breisgau 1967 
Lay R.: Ethik für Manager. Düsseldorf 1989,S.37ff. Die Ethik des Aristoteles 
Markert C.: Yin Yang. Harmonie von Sinnlichkeit und Vernunft. 2.Auflage, Düsseldorf 1995 
Schulz von Thun F.: Miteinander reden. Band 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek bei Hamburg 1990
Derselbe: Miteinander reden. Band 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Differentielle Psychologie der Kommunikation. Reinbek bei Hamburg 1990,S.38ff.: Das Werte- und Entwicklungsquadrat 
Wendt V.K.: Polarität. Das kosmische Gesetz der Ureinheit.Basel 1986 

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