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Lassen Sie uns mit Harmut von Hentig (1989) den falsch verstanden Werte-Begriff klären. Wie er dazu in seinem Vortrag "Werte und Erziehung" ausführt, bedeutet das Wort "Wert"  im gemeinen Sprachgebrauch dreierlei:

  1. Wert hat etwas, was uns "lieb" ist: Ihr seid mir lieb und wert, Bürger von Athen, aber ich werde dem Gott Apollon folgen und nicht euch, sagt Sokrates in der Übersetzung von Schleiermacher.
  2. Wert ist ein anderes Wort für Preis: Ein Bild von hohem Wert ist ein teures Bild, ein wertvolles Geschenk ist ein kostspieliges Geschenk, ein Luxus-Gut.
  3. Wert ist eine Idee, also nicht, wie in den beiden vorgenannten Verwendungen, eine subjektive oder objektive Eigenschaft, die einer Sache in Beziehung zu uns zukommt, sondern eine "Be-wertung", etwas, was nur in der Form des "Gedachtseins" und des "Empfundenseins" existiert.

Hentig zählt einige Wörter auf die jeder von uns als Bezeichnung von Werten anerkennen würde, auch wenn er sie noch nicht zu eigen gemacht hat: Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit, Ehre/Ansehen.

Man könnte wie er dazu ausführt, auch von all diesen auch dann mit Verstand und in genauer Bedeutung reden, wenn sie auf der Welt nicht/nirgends verwirklicht wären. An ihnen lässt sich verstehen, was die Philosophen meinen, wenn sie von drei Seins-Kategorien sprechen: 

  1. dem Vorhandensein,
  2. dem Möglichsein,
  3. dem Wertsein.

Es gibt, sagen einige Philosophen, ein Reich der Werte (Nicolai Hartmann).  Auch wer ein solches von seinen weltanschaulichen Prämissen her verneint, spürt, dass Werte durch einen Anspruch ausgezeichnet sind, der nicht aus unseren Affekten (Lust/Unlust) oder aus der Brauchbarkeit (als Nutzgegenstand oder Tauschgegenstand) stammt. Diesen Anspruch nennt Hentig, "moralisch"; das Wort "moralisch" drückt hier rein formal aus: So soll es sein, und zwar des guten Lebens willen. 

Wert ist damit ein Bruder der Norm. Auch das Wort Norm sagt: So soll es sein. Es "soll" z.B. in einer Zeiteinheit soundso viel gearbeitet werden. DIN A4 ist so eine Norm. Norm heisst hier soviel wie Urbild, Matrix dafür. Man kann Norm mit "Mass" gelegentlich auch mit "Standard" übersetzen. Das "Soll" der Norm dient einem Wert, ist selber aber keiner. Die Norm wird durch die Gemeinschaft festgelegt, in der man lebt, und ist prinzipiell veränderbar. Das alles wird alsbald deutlich, wenn wir Werte mit Gütern vergleichen. 

Güter sind zum Beispiel Besitz, Gesundheit, Lebenszeit, Schönheit. Wir sprechen von "Glücksgütern". Ein Gut ist ein Gut gleichsam durch sich selbst. Ein Wert wird ein Wert durch eine ausdrückliche Bejahung, eine Bejahung, die dem so Bewerteten nicht von allein zukommt. Werte sind nicht "selbstverständlich". Sie brauchen einen, der sie erkennt und anerkennt. Gesundheit ist ein fraglos hohes Gut. Wird man krank, ist sie auf einmal das grösste Gut überhaupt. Und doch nicht das, was man sagen will, wenn man von Werten redet. Ein Wert wird die Gesundheit durch eine bewusste moralische Entscheidung - zum Beispiel in einem Konflikt, wo es darum abzuwägen gilt, welches ein höheres Gut ist? oder auch: Was den höheren Wert hat, nämlich hinsichtlich meines Lebens überhaupt? 

Hentig behauptet nun, dass die Zahl der Werte klein ist. Es dürfte seiner Meinung nach schwer sein, den folgenden 12 Werten eine nennenswerte Zahl weiterer Werte hinzuzufügen, die nicht Differenzierungen, Nuancen, Synonyme der schon genannten sind:

  1. Das Leben
  2. Freiheit/Selbstentfaltung/Selbstbestimmung/Autonomie
  3. Frieden/Freundlichkeit/Gewaltlosigkeit
  4. Seelenruhe, z.B. aufgrund der erfüllten Pflicht oder aus Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen/also auch Schuldlosigkeit
  5. Gerechtigkeit
  6. Solidarität/Brüderlichkeit/Gemeinsamkeit (= Nichteinsamkeit), Gemeinwohl ist die dies alles zusammenfassende Idee
  7. Wahrheit
  8. Bildung/Wissen/Einsicht/Weisheit
  9. Lieben-Können/Geliebt-Werden
  10. Körperliches Wohl/Gesundheit/Schmerzfreiheit/Kraft
  11. Ehre/Achtung der Menschen/Ruhm
  12. Schönheit

Es gehört nach Hentig zum Realismus dieser Liste, dass ein Wert nicht in einem Wort aufgeht. Hinzu kommen zwei Werte, die ihrerseits auf keinen höheren Wert mehr zu beziehen sind und den unter den anderen möglichen Wertkonflikt überwölben

  1. das (weltliche) Glück und 
  2. die (religiöse) Gottgefälligkeit. 

Mit allen "Werten", die man noch nennen kann: Leistung, Ordnung, Vertrauen, Staatloyalität und dergleichen mehr, ist fast immer entweder ein Mittel zur Erreichung der genannten Werte oder eine dazu geeignete Verhaltensweise der Menschen gemeint. 

Die Kommission I des Zentralkomites der deutschen Katholiken hat in einem "Diskussionsbeitrag" (Gorscheneck,1977) sechs "Grundwerte" aufgestellt: Liebe, Wahrheit, Schönheit, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit. Auch unser Grundgesetz legt eine solche Begrenzung nahe. Es zählt eine Reihe von Grundrechten auf. Ein Recht richtet sich auf etwas Wertvolles (ein Recht auf Hunger, Verachtung, Hass wäre absurd). Der Grundrechtskatalog ist, gemessen an der Fülle von Regeln, die sich darauf berufen und die unser Leben ordnen, denkbar gering, kommentiert Hentig in einer seiner Textanmerkung.

Wie ein Gut durch eine moralische Entscheidung zum Wert wird, so wird eine Verhaltensweise oder Einstellung durch ihren sittlichen Zweck zur Tugend: Tugenden sind die Eigenschaften der Menschen, mit deren Hilfe sie den Werten entsprechen oder Genüge tun. Mein Leben ist - Schiller sagt es - ein Gut, das ich für ein höheres anderes hergeben kann. Aber das Leben aller Kreatur, das zum Beispiel Albert Schweitzer verteidigt, ist ein Wert.

Es gibt neben den Werten und den Tugenden gesellschaftliche Mittel, Einrichtungen, Verfahren, die im Dienst bestimmter Werte stehen: Das Recht (nicht die Gerechtigkeit!), das Eigentum (nicht der Besitz!), die Ehe, der Staat, die Demokratie, aber auch Partnerschaft, Freundschaft, Gemeinschaft als Organisationsformen zur Erreichung des Wertes "Gemeinschaft". Dies alles kann brüchig werden, sich verändern, grosse Schwierigkeiten bereiten. 

Nach einem Vierteljahrtausend der Aufklärung und einer von ihr angeleiteten ungeheuren Entfaltung systematischen Forschens bleibt das Bedürfnis nach "Sinn" unbefriedigt. Die traditionellen Vorstellungen des Glaubens sind angefochten, geschwächt, beseitigt; die Erwartung, Aufklärung könne die Religion restlos ersetzen, ist notwendig enttäuscht; die entfesselte Ratio hat selber zu neuen Lebensschwierigkeiten geführt, für die die alten Religionen Antworten gar nicht haben konnten. Nun greift man zu den Werten. Man benutzt sie - in der Regel, ohne zu wissen - als säkularen Ersatz für die sinngebende Religion. Man holt ein Stück der Metaphysik zurück, ohne die Metaphysik selbst. Werte, die weder durch die geoffenbarte Bestimmung des Lebens noch durch eine metaphysische Ordnung begründet sind, bleiben Konventionen. 

In den letzten 20 Jahren so Hentig hat man das Verhältnis von Erziehung, Moral und Politik zugunsten eines durchgängigen sozialen psychischen und ökonomischen Determinismus vernachlässigt. Das wurde dann nach ihm mit einer lauten und ungeübten "Wiederentdeckung der Werte" kompensiert. Der vielbeschworene Wertewandel hält er für eine falsche Diagnose. Junge Leute (und mancher ältere mit ihnen) haben keinen jener 14 Werte aus ihrer Vorstellung verbannt und neue dafür eingesetzt. Sie haben ihr Verhalten geändert: Sie sehen andere Möglichkeiten, Freiheit, Freundlichkeit, körperliches Wohl, Lieben-und-Geliebtwerden zu erfüllen; sie nehmen andere Anlässe wahr, Gewaltlosigkeit, Solidarität, Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen einzufordern oder zu verteidigen; sie suchen und verschaffen sich Achtung bei anderen Menschen, als wir das tun oder getan haben (und nennen dies nicht "Ehre"); sie bestehen erfolgreich auf Musse, die sie anders nennen und gestalten; sie nehmen den Wert des Lebens, des Lebendigen überhaupt, so ernst, wie irgendeine Generation dies getan hat, ich meine sogar ernster - und sie haben ja Grund dazu! 

Bei vielen Institutionen, mit denen Werte und Tugenden verbunden sind, ist der Sinn nicht mehr erfahrbar, haben sich die Vertreter nicht glaubhaft gezeigt, bleibt den Jungen die Schwäche, das Scheitern, die Schande derselben in unserer Enthüllungsgesellschaft nicht verborgen. Wenn sie sich abkehren, dann gerade weil sie an den Wert glauben, den die Institution stützen sollte und den sie im Stich lässt. 

All das handelt von Wandel, gewiss, aber nicht von Wertewandel oder gar Wertzerfall. Das Reden von den Werten liegt wie ein Schleier über einer veränderten Wirklichkeit, der wir nicht genügen, zu der uns keine Lösungen einfallen, die wir zu wandeln uns weigern; und so tun wir, was wir auch sonst tun: Wir moralisieren - entrüstet oder melancholisch.Nicht nur das Reden über Werte, auch das Reden über die neue Ethik hat bisher zu nichts als Reden geführt. Das Problem ist doch, ob und wie wir die Verantwortung wahrnehmen können. Das ist uns ja schon innerhalb der alten Grenzen nicht möglich. Wer mir - glaubhaft - vorrechnet, ich sei z.B. für die Erosionsschäden auf Luzon verantwortlich, weil alles mit allem zusammenhängt, der macht mich zum Zyniker - denn ich weiss nicht, wie ich auch das noch verhindern soll. 

  • Man muss den anderen überzeugen oder sich überzeugen lassen
  • Das nicht geprüfte Leben ist nicht lebenswert.
  • Es ist mir bewusst, dass ich die Wahrheit der Dinge nicht weiss.
  • Niemand tut das Schlechte, wenn er das Gute wirklich kennt.

Für den Fall, dass wir in schwere Zweifel geraten, hat Sokrates einen fünften Satz für uns bereit:

  • Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht erleiden

Dieser Satz ist nicht ableitbar. Man beweist ihn, wie Sokrates, indem man ihn lebt.

Quellenangaben und weiterführende Literatur
Bohnsack F.: Der Werte- und Verhaltenswandel in Gesellschaft und Jugend und seine Bedeutung für die Schule. Folgerungen aus empirischen Forschungsergebnissen. In: Die Deutsche Schule 4/1987,S.421-429 
Gorscheneck G.,Hrsg.: Grundwerte in Staat und Gesellschaft, München 1977
Hartmut von Hentig: Werte und Erziehung in: Criblez L./Gonon P.,Hrsg.: Ist Ökologie lehrbar? Bern 1989,Zytglogge,S.40-63   
Derselbe: Hoffnung aushalten, in: Schultz H.J.,Hrsg.: Was der Mensch braucht. Über die Kunst zu leben. 1.Auflage,München 1989,dtv,S.74-93  
Derselbe: Bildung,München/Wien 1996,Hanser 
Derselbe: Die Krise des Abiturs und eine Alternative,1.Auflage,Stuttgart 1980,Ernst Klett 
Derselbe: Magier oder Magister? Über die Einheit der Wissenschaft im Verständigungprozess. 1.Auflage, Frankfurt am Main 1974,Suhrkamp
Klages H.: Wertorientierungen im Wandel. Rückblick, Gegenwartsanalyse, Prognosen, Frankfurt 1984  
Schäkel U./Scholz J.,Hrsg.: Neue Wege der Leistungsgesellschaft. Wertwandel und seine praktischen Konsequenzen im Unternehmen. Reihe Betriebliche Weiterbildung 4, 1.Auflage, Essen 1982, Windmühle 
Schmitt C./Jüngel E./Schelz S.: Die Tyrannei der Werte. Hamburg 1979 
Sinus-Institut: Die verunsicherte Generation. Jugend und Wertewandel. Opladen 1983

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